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Amerika
Ich habe mich natuerlich schon lange an das Leben in Amerika gewoehnt,
aber hier sind etliche Unterschiede, welche mir auffallen:
Sprache:
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern: Mit 14 besuchte ich meine
Brieffreundin in England. Mein Wortschatz war sehr gering, aber ich
konnte verstehen, was die Leute sagten. In Amerika dagegen war
die Sache ganz anders. Es war ziemlich schwierig, die amerikanische
Aussprache zu verstehen. Dabei hatten meine Englischkenntnisse in der
HAK bedeutend zugenommen. Das sieht man schon daraus, dass ich den Toefl
Test auf Anhieb mit 95% bestand. Toefl ist eine Englischpruefung,
welche Auslaender ablegen muessen, bevor sie and einer amerikanischen
Uni matrikulieren duerfen. Mit der Fachsprache hatte ich auch viel weniger
Schwierigkeiten als mit der Alltagssprache, eventuell weil sehr oft Slang
verwendet wird.
Warnung: "Grammatisch" ist der Durchschnittsamerikaner nicht verlaesslich. Also
besser an die Elli denken bevor man etwas nachplappert.
Feste, Feste, Feste:
Es wird brav gefeiert, obwohl es nur sieben bis zehn bezahlte Feiertage pro
Jahr gibt. Die genaue Anzahl haengt von der Grosszuegigkeit des Arbeitsgebers ab.
Eines der groessten Feste ist Thanksgiving.
Es wird am 4. Donnerstag im November
zur Erinnerung an die Pilgrims der Massachusetts Bay Colony gefeiert.
Diese ueberlebten einen harten Winter, hatten dann eine gute Ernte und
hielten deshalb im Herbst 1621 ein Entedankfest ab. Thanksgiving ist
eigentlich seltsam. Es besteht weitgehend nur aus dem Speisezettel.
Das folgende MUSS gegessen werden: ein Truthahn mit Fuelle, Truthahnsosse,
Suesskartoffeln und Preiselbeeren. Es werden natuerlich noch mehrere
Nebentische und Desserts serviert, aber das haengt von der jeweiligen
Familientradition ab.
Massachusetts ist
aber nicht die erste englische Niederlassung. Seit 1607 bestand in Virginia
bereits eine etablierte und durch Tabak reich gewordene Kolonie. Ich
habe mich immer sehr gewundert, weshalb Massachusetts so bevorzugt wird.
Eine offizielle Erklaerung habe ich nicht, aber meiner Meinung nach
ist es darauf zurueckzufuehren, dass Virginia eher ein kommerzielles
Unternehmen war, waehrend die Pilgrims (beachte: Pilgrims,
nicht Einwanderer) die Massachusetts Bay Colony angeblich zu Zwecken
der Religionsfreiheit gruendeten. Ausserdem kamen die Pilgrims angeblich
mit den Indianern gut aus und luden sie sogar zum Erntedankfest ein.
Mit diesem Rohstoff kann man natuerlich viel nettere Geschichten spinnen.
Halloween (kein Feiertag, aber trotzdem viel Spass)
stammt von den Kelten ab und wurde durch die Katholische Kirche zu
Allerheiligen und Allerseelen umgewandelt. Aber in Irland erhielt sich der
alte Brauch und wurde von dort in die US mitgebracht. Und nun kommt
Halloween wieder nach Europa zurueck - ich finde das sehr interessant,
denn mich fasziniert Halloween's keltischer Ursprung. Aber lassen sich
denn nicht alle unsere Feste auf alte - heidnische - Sitten
zurueckfuehren?
Der Unabhaengigkeitstag wird am 4. Juli gefeiert. Traditionell wird an
diesem Tag im Freien gegrillt, entweder zu Hause oder in einem Park.
Fortbildung:
Die Moeglichkeiten zur Fortbildung sind ausgezeichnet. Es werden jede Menge
Kurse angeboten, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Gratis ist es natuerlich nicht.
Ich nehme an, dieses System der Weiterbildung hat sich entwickelt, weil es ja
keine Lehre wie bei uns gibt.
Auch an der Uni werden Vorlesungen nicht nur routinemaessig am Abend angeboten,
es gibt sogar "distance classes", wobei die Vorlesung in der Nacht im
Fernsehen ausgestrahlt wird. Man braucht also nur zur Pruefung zur Uni
hinfahren, und zwischendurch ist man via e-mail mit dem Professor in Kontakt. Das akademische Jahr wird in ein Herbst- und ein Fruehjahrsemester eingeteilt. Und dann gibt es noch ein Sommersemester, wer also will, der kann das ganze Jahr hindurch studieren.
Akademische Titel werden praktisch nie verwendet.
Und Agamemnon musste sterben:
Im Jahre 1836 wurde das Alamo Gemetzel als das texanische Thermopylae
bezeichnet. Heutzutage versteht niemand diesen Hinweis. Die Griechen, die
Roemer, ueberhaupt alles, was man als "Western Zivilisation" bezeichnen kann, wird bewusst vernachlaessigt. Dafuer paucken die Schueler und
Studenten alle chinesischen
Dynastien, lernen von jedem Steinhaufen in Zimbabwe und diskutieren
die Bedeutung von Timbuktu als Handelszentrum und letzte Oase zum Auftanken der Kamele
bevor der Sahara-Ueberquerung. Warum? Diese Tendenz faellt unter die
Bezeichnung "political correctness", wobei man also auf die Gefuehle von
Minderheiten und nicht-Europaern zu einem ausserordentlich hohen Grad
Ruecksicht nimmt.
Es ist auch verpoent, die Ausdruecke B.C. und A.D. zu verwenden. An deren
Stelle werden B.C.E. (before common era) und C.E. (common era) verwendet.
Wahre Begebenheit: University of Houston, Lit Vorlesung. Der Professor
liest einen Teil eines Gedichtes vor und kommt zur Stelle "...und Agamemnon
musste sterben." Ein Student zeigt auf und fragt: "Wer war denn dieser
Agamemnon?"
Freundlichkeit:
Die Amerikaner sind sehr freundlich, besonders hier im Sueden, aber man muss
etwas vorsichtig sein, denn sie meinen oft nicht, was sie so aus lauter
Freundlichkeit sagen.
Essen und Trinken:
Amerikaner haben sehr schlechte Tischmanieren. Nach jedem Bissen legen sie
das Messer weg und geben die Gabel in die rechte Hand. Die linke Hand,
wenn sie nicht gebraucht wird, soll man unter(!) dem Tisch verstecken.
Die bevorzugte Methode ist, mit den Haenden zu essen, z. B. auch Pizza.
Buchstaeblich alles wird zwischen zwei Stuecke Brot gelegt und als Sandwich
verzehrt, und das beliebteste Sandwich ist natuerlich der Hamburger. Sehr beliebt
sind auch die Hot Dogs. French Fries (Pommes) sind unentbehrlich. Andauernd
wird im Auto gegessen und getrunken - deshalb hat wohl fast jeder eines mit
automatischer Schaltung.
In Restaurants wird einem die Rechnung auf den Tisch gelegt, lange bevor
man fertig gegessen hat. Man braucht also nie "Kellner, zahlen!" rufen.
Den Eiswuerfeln in Getraenken kann man nicht entkommen. Gott sei Dank werden
Bier und Wein ohne serviert, aber das Bier ist eiskalt und entwickelt keinen
Schaum. Die Eiswuerfeln werden kurz ice genannt. Das Eis zum Schlecken heisst ice cream.
Gratis, gratis, gratis! Ein Glas Leitungswasser wird normalerweise
sofort auf den Tisch gestellt - mit viel ice natuerlich.
Kaffee, Eistee und soda bekommt man gratis nachgeschenkt - man kann also trinken,
so viel man will. Soda ist der Ausdruck fuer nichtalkoholische Getraenke
mit Kohlensaeure, also Coca Cola, Pepsi, usw. Kaffee wird sogar sehr oft zu
den Mahlzeiten getrunken. Mit Ketchup und Senf braucht man auch nicht sparen;
es wird nicht extra verrechnet.
Die Qualitaet des Brotes ist ziemlich scheusslich. Das meiste Obst ist
geschmacklos - nicht einmal das viele Spritzen verbessert den Geschmack, ha, ha.
Verkehrswesen:
Das Eisenbahnnetz war nie voll ausgebaut, und viele Strecken wurden innerhalb
der letzten Jahre eingestellt, z. B. gibt es keine Zugsverbindung mehr von
Dallas nach Houston. Die Transportation zwischen Staedten erfolgt also mit
Privatauto, Bus (Greyhound ist die beruehmteste Busgesellschaft) und Flugzeug.
Die meisten Amerikaner fahren die weitesten Strecken mit ihren Autos ohne mit
der Wimper zu zucken; 2000 Kilometer, ach das schafft man leicht, es gibt ja
Autobahnen. An diese Entfernungen habe ich mich noch immer nicht gewoehnt. Fuer
mich liegt Dallas auch heute noch "weit" weg (etwa 400 Kilometer noerdlich von Houston).
Sozialleistungen:
Die sind nicht besonders gut. Krankenversicherung und Pensionsversicherung
sind weitgehend dem Arbeitgeber ueberlassen. Kleinbetriebe bieten diese
Optionen den Arbeitnehmern oft gar nicht an, weil es "zu viel kostet". Vom Lohn werden
(unter anderem) etwa 8% als Beitrag zur Social Security abgezogen. Der Staat
verwaltet dieses Geld, und ab 65 ist man berechtigt, die Social Security zu
beziehen. Diese Art Rente ist aber leider sehr gering, man kann wirklich nicht
bequem davon leben, muss also selber fuer den Lebensabend vorsorgen.
Es gibt
"welfare" fuer Familien mit Kindern, aber es muss einem bereits sehr schlecht
gehen, damit man welfare bekommt. Aber dann ist es oft einfacher, sich nicht um
einen (meistens schlecht bezahlten) Arbeitsplatz umzusehen, sondern noch ein
paar Kinder in die Welt zu setzen um sich weiterhin fuer welfare zu qualifizieren.
Man bekommt eine Wohnung, Lebensmittel, Krankenversicherung, Schuljause und
Spenden. Es sind Bestrebungen im Gange, das welfare System zu aendern, aber
viel ist bis jetzt in dieser Hinsicht noch nicht passiert. Kinderbeihilfe
ist unbekannt.
Leute ohne Krankenversicherung werden oft unterbehandelt, die mit guter
Krankenversicherung viel zu oft unnoetigerweise durchoperiert.
Geographische Kenntnisse:
Nicht vorhanden. Der Normalamerikaner kennt den Unterschied zwischen
Austria und Australia nicht.
Sesshaftigkeit:
Kaum vorhanden. Amerikaner sind andauernd unterwegs. Sie ziehen von Wohnung
zu Wohnung, Haus zu Haus, Ort zu Ort. In der Frueh zieht eine Familie aus,
und bereits am Nachmittag zieht eine neue Familie ein - ohne auszumalen
oder gruendlich zu putzen. Ich habe das mit meinen eigenen Augen etliche
Male gesehen. Richard's Eltern sind, obwohl in Amerika geboren, deutscher
Abstammung. Wahrscheinlich wohnen wir deshalb noch immer im Haus, welches
wir im Dezember 1985 kauften.
Sportliches:
Die Amerikaner sind wahnsinnig sportbegeistert, aber diese Begeisterung
konzentriert sich vor allem auf ein paar Sportarten, welche riesige
Geldsummen generieren. Die Heilige Dreifaltigkeit des Sportes besteht aus
Football, Baseball und Basketball. Die Sportler verdienen Wahnsinnsgagen
und erhalten zusaetzlich noch fette Werbevertraege.
Eiskunstlaufen und Tennis sind auch noch "Geldsport". Tiger Woods und Golf
erregen derzeit grosse Aufmerksamkeit.
Die meisten Sportarten aber sind "arm", also ohne finanzkraeftigen Sponsor,
weil sie nicht genug Eintrittskarten an den Mann bringen. Fussball (hier
Soccer genannt) hat noch immer nicht richtig eingeschlagen. Den Bode Miller
kennt auch kaum jemand. Um das zu aendern muesste er wahrscheinlich 5 olympische
Goldmedaillen
gewinnen UND einen hervorragenden Agenten haben.
Die Faszinierung mit Football faengt schon sehr frueh an. Alle Schulen,
sogar die aermsten, haben ein Football Team. Mir scheint es, dass die
gewonnenen Pokale wichtiger sind als die akademische Ausbildung. Zumindest zoegert niemand, teure Uniformen fuer das Team und die
dazugehoerigen Cheerleaders zu kaufen, aber Buecher sind oft nicht genug
vorhanden.
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